– Relaxed Performance & Stille Stunde

Oft sind es spezielle Verhaltensregeln in Kultureinrichtungen oder reizintensive Rahmenbedingungen, die Menschen vom Kulturbesuch abhalten. Relaxed Performances und das Konzept der stillen Stunde werden gezielt eingesetzt, um etwa eine entspannte Atmosphäre oder eine reizarme Umgebung zu schaffen.

Das Foto zeigt einem länglichen Raum mit Oberlichtern. Im Vordergrund pinke Sitzsäcke mit Zuhörer:innen. Links im Raum sitzt der Referent in einem Rollstuhl an einem Tisch. Rechts sitzen weitere Zuhörer:innen, zum Teil auf Stühlen, zum Teil auf dem Boden oder auf Sitzsäcken.
Vortrag von Michael Turinsky in "relaxter" Atmosphäre © André Wirsig

Relaxed Performance

Bestimmte Konventionen im Kulturbetrieb wie etwa eine bestimmte Kleiderordnung oder die Erwartung, dass Zuschauer:innen sich in einer bestimmten Art und Weise verhalten, z.B. stillsitzen und leise sind, Ausstellungsobjekte nicht anfassen oder bei einer Sinfonie nicht zwischen den Sätzen klatschen, aber auch die Veranstaltungsdauer, dunkle und geschlossene Räume oder bestimmte Geräusche und Lichteffekte können Menschen von Kulturangeboten ausschließen.

Relaxed Performances (sinngemäß Darbietung in entspannter Atmosphäre) richten sich an alle Zuschauer:innen, die von einer entspannteren Atmosphäre und barrierefreien Rahmenbedingungen profitieren. Relaxed Performances können ganz unterschiedlich gestaltet sein. Im Kern geht es darum, die Regeln und Rahmenbedingungen im Theater, im Kino, im Soziokulturellen Zentrum zu „entspannen“ und an den Bedürfnissen der Gäste auszurichten. Dazu können z.B. die untenstehenden Aspekte gehören. Nicht immer werden alle davon berücksichtig und umgesetzt werden können. Wichtig ist, bereits bei der Konzeption die Option der Relaxed Performance mit einzuplanen.

Mögliche Maßnahmen

  • Türen: Während der Veranstaltung bleiben die Türen geöffnet. Gäste können den Zuschauerraum während der Veranstaltung verlassen und wieder betreten.
  • Licht: Das Licht im Zuschauerraum wird nicht vollständig abgedunkelt.
  • Pausen: Bei längerer Veranstaltungsdauer werden ausreichend Pausen gemacht.
  • Sitzgelegenheiten: Die Bestuhlung wird flexibel gestaltet und z.B. um Liege- und alternative Sitzmöbel wie Matratzen, Sofas und Sitzsäcke erweitert. Zwischen den Sitz- bzw. Liegemöbeln ist genügend Platz, sodass sich andere Gäste und Menschen mit Rollstühlen bequem bewegen können. So können die Gäste selbst einen Platz wählen, der ihrem Bedarf am besten entspricht. Manche Menschen bevorzugen z.B. einen größeren Abstand zu anderen, da ihnen enger Kontakt unangenehm ist, manche Menschen bevorzugen Plätze in den vordersten Reihen.
  • Akzeptanz: Unkontrollierbare Geräusche oder Bewegungen von Zuschauer:innen erfahren Akzeptanz und Verständnis.
  • Effekte: Es wird auf bestimmte Geräusch- und Lichteffekte, Interaktion mit dem Publikum, Spezialeffekte, die Darstellung von Gewalt usw. hingewiesen bzw. auf diese verzichtet. Das können z.B. besonders laute, donnernde oder surrende Geräusche sein, flackerndes Licht oder Stroboskopeffekte, Gegenstände oder Personen, die durch die Luft fliegen usw.
  • Ruheräume: Es gibt Auszeit- bzw. Ruheräume, in die sich Personen zurückziehen können, um sich bspw. auszuruhen oder Medikamente einzunehmen. Es können dafür Bereiche im Foyer mit Spanischen Wänden abgetrennt werden.
  • Begleitpersonen: Gäste können bei Bedarf von Kulturpat:innen oder Begleitpersonen unterstützt werden, z.B. beim Abholen und Bringen zur Haltestelle oder bei der Orientierung vor Ort.
  • Personal: Das Personal der Kultureinrichtung einschließlich der Künstler:innen ist über die Relaxed Performance informiert. Personal mit direktem Gästekontakt ist geschult und kann die Gäste bei Bedarf unterstützen.
  • Einlass: Gäste können den Aufführungs- oder Veranstaltungsraum schon eher betreten (früher Einlass), um sich zu akklimatisieren, sich mit dem Raum vertraut zu machen oder in Ruhe einen passenden Platz zu suchen.
  • Vermittlung: Inhalte werden auf unterschiedlichen Wegen zugänglich gemacht, z.B. durch Dolmetschen in Gebärdensprache, Untertitel, Audiodeskription (siehe oben).
  • Begleitveranstaltungen: Begleit- oder Einführungsveranstaltungen können angeboten werden, um zusätzlich Inhalte zu vermitteln, also z.B. in die Handlung eines Theaterstückes einzuführen oder die Hauptfiguren und das Bühnenbild vorzustellen.
  • Ankündigung: In der Ankündigung z.B. auf der Webseite werden die Gegebenheiten vor Ort wie Sitzplan, Inhalt der Veranstaltung, Geräusche, Effekte, Interaktion mit dem Publikum usw. genau beschrieben, sodass die Besucher:innen sich ein Bild davon machen können, was sie erwartet und ob sie an dem Angebot teilnehmen wollen oder nicht.
Das Foto zeigt einen Ausstellungsraum, der rechts, links und im hinteren Bereich durch drei weiße Wände begrenzt ist. Vor der hinteren Wand steht eine Besucherin mit dem Rücken zum Betrachter. Sie trägt einen Rucksack und schaut sich das Bild auf der hinteren Wand an. Das Bild reicht von der Decke bis zum Fußboden. Rechts und links des Bildes stehen zwei schwarze Sockel mit Ausstellungsobjekten. Rechts und links neben dem großen Bild hängen zwei kleinere Portraits, jeweils von schwarzen Rahmen umrahmt. An der rechten und linken Wand hängen jeweils zwei großformatige Leinwände.

Stille Stunde

Viele Personen, starke Beleuchtung, Gerüche, Hintergrundmusik und andere Reize können manche Menschen überfordern und davon abhalten, eine Kultureinrichtung zu besuchen. Ein dem Konzept der Relaxed Performance ähnliches Angebot ist die sogenannte Stille Stunde. Ursprünglich als Pilotversuch in Supermärkten ausprobiert, um Autist:innen und Menschen, die sich schnell durch äußere Reize überfordert fühlen, einen entspannteren Einkauf zu ermöglichen, kann das Konzept ebenso in Kultureinrichtungen, wie z.B. Museen, Galerien oder Bibliotheken, angewendet werden. Innerhalb der Öffnungszeiten kann es etwa eine bestimmte Zeit geben, z.B. jeden ersten Sonntag im Monat zwischen 10 und 12 Uhr, in der die Rahmenbedingungen so angepasst werden, dass eine reizarme Atmosphäre entsteht.

Mögliche Maßnahmen

  • Reizarme Atmosphäre: Das Angebot der Stillen Stunde ist Gästen vorbehalten, die auf eine reizarme Atmosphäre angewiesen sind. Dadurch werden Besucherzahlen reduziert und Gedränge vermieden. Angehörige, Freunde, Assistenzpersonen, Assistenztiere und Geschwister sind selbstverständlich willkommen.
  • Ticketerwerb: Der Ticketverkauf wird so gestaltet, dass das Schlangestehen am Ticketschalter vermieden wird, etwa durch einen Online-Ticketerwerb.
  • Beleuchtung & Geräusche: Ausstellungsbeleuchtung, Geräusche und Hintergrundmusik sowie Multimedia-Installationen werden gedimmt, heruntergefahren oder ausgeschaltet.
  • Ruheräume: Es werden Ruhe- oder Auszeiträume zur Verfügung gestellt (siehe oben).
  • Orientierungsplan: Ein Orientierungsplan weist auf Reize wie Geräusche oder starkes Licht hin, auf reizarme Orte innerhalb der Einrichtung mit Sitz- und Ausruhmöglichkeiten, Sanitärräume, Fluchtwege etc. Der Plan steht auch als Download auf der Webseite der Einrichtung zur Verfügung.
  • Schritt-für-Schritt-Anleitung: Das Angebot sowie die Gegebenheiten vor Ort werden präzise und klar beschrieben, damit sich die Gäste ein Bild von den Rahmenbedingungen machen und sich auf den Besuch vorbereiten können. Insbesondere für Gäste, die eine Einrichtung zum ersten Mal besuchen, kann eine Fotostory hilfreich sein, das heißt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für einen Besuch in der Einrichtung in Text und Bild: Wie komme ich hin? Wie erwerbe ich die Tickets? Wie gestaltet sich für mich der Ausstellungsbesuch? Und wie komme ich wieder aus der Einrichtung?
  • Personal: Vermittlungsangebote wie Führungen werden von geschultem Personal durchgeführt. Dieses, insbesondere das Personal mit Gästekontakt, ist geschult, z.B. durch Expert:innen, die aus eigener Erfahrung über reizarme oder autismusfreundliche Settings sprechen und das Personal in der Gäste-Interaktion schulen können.