Access All Areas – anders dabei sein

Gee Vero Mir wurde von der Servicestelle Inklusion im Kulturbereich vom Landesverband Soziokultur Sachsen e.V. die Frage gestellt, wie Menschen mit Behinderung gleichberechtigt am künstlerischen Ausbildungs- und Beschäftigungsbetrieb teilnehmen können? Die Antwort darauf ist eine ganz einfache. Sie lautet Akzeptanz. Akzeptanz ist nicht nur das A und O des Miteinanders, sondern im wahrsten Sinne des Wortes das A bis Z, das die Teilhabe eines jeden Menschen auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens gewährleisten kann.  Akzeptanz ist, was mir mein Leben lang gefehlt hat und mir immer noch fehlt.

 

Zu sehen ist ein Portrait. Die rechte Gesichtshälfte ist mit schwarzem Filzstift skizziert und auf Umrisse der Augen, Nase, Ohren und Lippen reduziert. Die linke Gesichtshälfte ist zeichnerisch, fast explosionsartig mit Linien und feuerwerksartigen Schraffuren ausgestaltet. Das linke Auge ist mit Regenbogenfarben umrandet, aus denen Schmetterlinge zur Stirn hin wegfliegen. Vom linken Bildrand schieben sich wie Gebäude anmutende Gebilde ins Bild - in Orange und Gelbtönen.
© Gee Vero

Ich gehöre zum Spektrum Mensch

Mein Name ist Gee Vero und ich gehöre zum Spektrum Mensch. Ich wurde 1971 in der Nähe von Leipzig geboren. Erst im Jahr 2009 bekam ich die Diagnose Autismus. Bis zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich immer als Versager. Mit Hilfe von zahlreichen Kompensationsstrategien gelang es mir zwar, bis hin zum Abitur sehr gute schulische Leistungen zu erbringen, die soziale Interaktionen und auch die Kommunikation fielen mir aber enorm schwer. Das machte mich immer wieder zum Außenseiter. Als 1989 die Mauer fiel, erlebte ich die größte und tiefgreifende Strukturänderung meines Lebens. Während meine Mitschüler ihr Leben in der neugewonnen Freiheit zu planen begannen, zog ich mich immer weiter von allem, besonders auch von mir selbst, zurück. Nach dem Abitur 1990 umgab mich ein  derartiges äußeres und inneres Chaos, dass ich nicht mehr in der Lage war, dem vorgegebenen bzw. geplanten Weg des Studiums der Anglistik zu folgen. Ich fiel durchs Raster und niemand schien dies zu bemerken, geschweige denn darauf zu reagieren. In dieser Zeit, die ich rückblickend als meine dunkelste Phase bezeichne, entdeckte ich zum Glück das Malen für mich. Meine Bilder wurden meine Sprache. Meine Bilder retteten mir das Leben. Ich wusste immer schon, dass ich anders bin als die Menschen, die mich umgaben, aber ich wusste nicht warum. Sowohl ich als auch mein Land befanden sich Anfang der 90er Jahre in einem enormen Umbruch. Da ich komplett unfähig war hier noch irgendwie Fuß zu fassen, entschied ich mich für die Flucht nach vorn.

Ich begann meine Andersartigkeit als einen Vorteil wahrzunehmen

Seit meiner Kindheit war London das Ziel meiner Träume und wenn ich denn untergehen sollte, dann wenigstens dort. England bedeutete in vielerlei Hinsicht eine Wende für mich. Soziale Kontakte und kommunikative Interaktionen waren auch hier weiterhin schwierig. Dies war meiner Umgebung in jedem Moment klar, dass ich mich im Ausland befand und in einer Fremdsprache kommunizieren musste.  Diesem Umstand und nichts anderem wurde meine Andersartigkeit zugeschrieben. Ich erfuhr zum ersten Mal in meinem Leben eine Akzeptanz meines Seins. Dies ließ mich mutiger in der Begegnung mit den Menschen werden. Da ich viele Fähigkeiten und Potentiale besaß, dauerte es nicht lange, bis ich meinen ersten Job hatte. Ich war in England unter anderem als Personal Assistent für eine Psychologin tätig, arbeitete für LBC Radio und im Musikgeschäft. Es zählte immer nur, was ich konnte, nicht welchen Abschluss ich (nicht) hatte. Das gab auch den Anstoß dazu, dass ich mich wieder ernsthaft dem Malen zuwandte. Ich malte und merkte, dass es mir immer besser ging. Ich nahm an mehreren Gruppenausstellungen teil (u.a. Art Fair Alexandra Palace London) und hatte sogar eine erste eigene Ausstellung in London. In dieser Nische, die die Kunst mir bot, fühlte ich mich sicher aufgehoben und zum ersten Mal auch wertvoll. Alles was mir wegen meines Autismus den Alltag so schwer machte, erlaubte mir den Zugang zur Kunst und zum kreativen Schaffen. Ich begann meine Andersartigkeit als einen Vorteil wahrzunehmen. Kunst ist immer offen und ehrlich. Ich spürte, dass innerhalb künstlerischer Tätigkeitsfelder Vielfalt, Individualität und Querdenken gewollt sind und geschätzt werden. Ich genoss die Freiräume, die mir innerhalb dieser Szene angeboten wurden. All das, was ich war und sein konnte wurde so akzeptiert. Alles, was ich brauchte, wurde mir gegeben. Zum ersten Mal lebte ich, anstatt nur zu überleben. Diese Erfahrung, dass mein Sein und Können, unabhängig von Ausbildung/Abschluss wahrgenommen und geschätzt wird, war eine Befreiung, die mir nach meiner Rückkehr nach Deutschland noch einmal sehr bewusst wurde, weil sie hier nämlich abrupt endete.

Wir sind alle anders und genau das haben wir gemeinsam

Da ich mich in einer sehr schwierigen Beziehung befand, kehrte ich mit meinen beiden Töchtern nach Deutschland zurück, als uns dies möglich war. Ohne Ausbildung bzw. Abschluss und noch dazu mit zwei kleinen Kindern, war mir schon vorher bewusst, dass ich etwas Eigenes machen musste, um uns zu ernähren. Das Künstlerleben wurde wieder zu einem Traum. Die Selbstständigkeiten, die ich mir mit einem Second-Hand Laden und später Sprachunterricht erarbeitete, scheiterten trotz immenser Bemühungen meinerseits immer wieder an meiner Unfähigkeit in den Begegnung und der Kommunikation mit anderen Menschen. Ich lebte am Rand der Verzweiflung. Nur meine Kinder gaben mir einen Grund weiterzumachen. Sie waren der Wind in meinem Segel, das jedoch mehr und mehr verschliss. Als 2004 mein Sohn auf die Welt kam, erkannte ich mich sofort in ihm wieder. Es war als hielte er mir genau den Spiegel vor, in den zu sehen, ich mich so lange geweigert hatte. Er war es, in dem ich mich erkennen konnte. Dieses Erkennen führte im Juli 2009 zu meiner Diagnose im Alter von 38 Jahren. Endlich hatte ich sowohl eine Erklärung als auch einen Namen für meine andere Art des Seins. Schon innerhalb der mehrstündigen Diagnostik veränderte sich mein Selbstbild entscheidend. Dennoch dauerte es noch drei Jahre ehe ich begriff, dass ich nie ein Versager, sondern schon immer eine Erfolgsgeschichte gewesen bin. Ich rutschte erst einmal weiter ab und sah keinen Weg mich mit meinen Kindern aus dem Netz dieser giftigen Hartz IV-Spinne zu befreien. Als ich im Arbeitsamt um Unterstützung bei einem Studium mit künstlerischem Hintergrund bat, lachte man mich aus. Auch ein Fremdsprachenstudium wurde mir wegen meines Autismus nicht finanziert. Aber ich hatte meine Erfahrungen in England nicht vergessen. Motiviert, mit einem neuen Glauben an mich selbst, begann ich einfach wieder zu malen. Der erste Lichtblick kam 2010 in Form einer Ausstellung von Werken autistischer Künstler in der documenta Halle in Kassel. Organisiert von akku e.V., konnten ca. 7000 Besucher in drei Wochen Ausstellung dort unter anderem auch meine Bilder betrachten. Ab diesem Zeitpunkt malte ich fast täglich. Seit 2011 nutze ich meine Kreativität und die Kunst außerdem, um mit meinem Kunstprojekt The Art of Inclusion auf Autismus und Anderssein aufmerksam zu machen. Ich bitte dazu  Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung mir auf einem Blatt Papier zu begegnen. In der Vervollständigung meines halben Bareface-Gesichtes entstehen so individuelle Kunstwerke, die vor allem eines deutlich zeigen. Wir sind alle anders und genau das haben wir gemeinsam. Seit einigen Jahren wird das Projekt auch von Schulen und Einrichtungen verwirklicht, um auf Anderssein und Individualität aufmerksam zu machen und vor allem um für Akzeptanz zu werben. Zu den berühmteren Künstlern zählen beispielsweise Udo Lindenberg, Sir Ben Kingsley, Manfred Krug, Angela Merkel, Roger Willemsen und Christa Wolf. Die Bilder sind seit 2011 immer wieder in Ausstellungen zu sehen. So waren 40 Werke von Mai bis Juni 2014 im Kleisthaus in Berlin ausgestellt. Im April 2019 wird es eine weitere Art of Inclusion Schau in der Volkshochschule in Leipzig geben. Außerdem hatte ich Einzelausstellungen mit meinen Erzählbildern und zahlreiche Gelegenheiten Buchcover zu gestalten. Meine künstlerische Tätigkeit kann meinen Lebensunterhalt zwar bis heute leider nicht abdecken, aber sie lässt mich atmen, leben und fliegen. Sie gibt mir die Kraft, mich neu zu entdecken und zu verändern. Nach 4 Jahren Hartz 4 schaffte ich endlich den Absprung, in dem ich mir selbst einen Job maßschneiderte. Ich tat zusammen, was ich gut kann, Monologisieren, und was gebraucht wird, Autismus-Aufklärung. Ich sehe meinen Autismus als ein Potential und bin seit 2013 erfolgreich als Referentin in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Ich spreche öffentlich über Autismus – (m)eine andere Wahrnehmung und zwar als Autistin und Mutter. Als Autistin und Ehepartnerin. Als Autistin und Künstlerin. Für mich sind das überhaupt keine Widersprüche und ich erkläre meiner Zuhörerschaft gern, warum das so ist. Meine berufliche Zukunft ist trotz des Erfolges gefährdet, da ich schon im nächsten Jahr die Betreuung für meinen autistischen Sohn nicht mehr ausreichend absichern kann. Damit wird ganz schnell deutlich, dass es ist nicht unser Autismus ist, der uns behindert, sondern wie die Gesellschaft mit autistischen Menschen und ihren Bedürfnissen umgeht.

Von einer defizitorientierten Sicht auf Autismus lösen und eine potentialorientierte Gesellschaft werden

Um weiterhin das zu machen, was ich bis jetzt sehr erfolgreich mache, benötige ich zu allererst eine individuelle Betreuung für meinen Sohn während der Zeiten, in denen ich aufgrund meiner Tätigkeit außer Haus bin. Eine Begleitung zu schwierigen Terminen, Assistenz bei der Beantragung von Hilfsmitteln /Persönliches Budget und Unterstützung bei Kontaktaufnahmen, zum Beispiel zu Galerien oder Ausstellern, würden mir sowohl meinen familiären als auch den beruflichen Alltag wesentlich erleichtern. Vor allem aber benötige ich ein grundsätzliches Verständnis für meine andere Art des Seins.

Eine Antwort auf die Frage „Was hätte ich gebraucht, um irgendwo Fuß fassen zu können?“ zu suchen, ist ein bisschen wie Sägespäne sägen wollen. Dennoch will ich ihr hier einmal nachgehen. Für die Gesellschaft ist es wichtig zu begreifen, dass frühzeitig und korrekt gestellte Diagnosen den Lebensweg eines Menschen entscheidend beeinflussen, besonders bei Autismus. Familien mit autistischen Kindern bedürfen sie einer umfassenden Betreuung und Begleitung. Aber sie werden noch immer allein gelassen. Nachteilsausgleiche wie Schul-, Ausbildungs- und Studienbegleitung ermöglichen oft erst einen Bildungsabschluss. Meine Chance auf ein erfolgreiches Studium, eine Ausbildung und letztendlich einen Job hätten sich vergrößert, wenn mir Maßnahmen wie effiziente Kurse und Beratungen zur beruflichen Entwicklung zur Verfügung gestanden hätten. Bei diesen sollte es sowohl um die Stärken des Menschen gehen als auch um Strategien zur Bewältigung von Stresssituationen und sozialen Interaktionen. Ein Training der sozialen Kompetenz ist genauso wichtig wie die Arbeit an den kommunikativen Fähigkeiten eines autistischen Menschen. Daran anschließend wäre für mich eine Begleitung bei der Bewerbung genauso notwendig gewesen wie ein individuelles Training und Betreuung während der Einarbeitungsphase bzw. eine Arbeitsbegleitung. Der Umfang und die Intensität dieser Maßnahmen ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Wichtig ist, dass wir uns von einer defizitorientierten Sicht auf Autismus lösen und eine potentialorientierte Gesellschaft werden, die sich der Individualität ihrer Mitglieder wieder bewusst wird. Und damit sind wir wieder bei der oben gestellten Frage und dem Grund meines Artikels angekommen.

Was braucht es, um allen (autistischen) Menschen die persönliche und berufliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen?

Die Antwort auf diese Frage liegt nicht auf der Hand sondern in unseren Herzen. Akzeptanz verändert alles. Das Wunderbare an Akzeptanz ist, dass sie keinen Pfennig kostet, von jedem Menschen verabreicht werden kann und nur positive Nebenwirkungen hat. Aber dennoch ist sie immer noch nicht ausreichend vorhanden. Woran liegt das? Um einen anderen Menschen, der ganz anders ist als man selbst, wirklich so akzeptieren zu können wie er ist, muss man sich selbst so akzeptieren können wie man selbst wirklich ist. Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Begegnung mit anderen Menschen ist eine Begegnung und Annahme des eigenen Selbst. Dies wiederum erfordert ein Abnehmen und Hinterfragen der Maske, die jeder von uns tragen muss, um (s)einen Platz innerhalb der Gesellschaft zu bekommen. Ohne eine solche Ich-Maske ist sowohl die persönliche als auch die berufliche Teilhabe gefährdet bzw. unmöglich. Man wird sehr schnell zum Außenseiter in einer Gesellschaft, die jeden Tag Inklusion in die Welt rausschreit, dies aber nicht lebt. Es reicht eben nicht, dass wir 2008 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen unterschrieben und damit Inklusion gesetzlich festgelegt haben. Akzeptanz und Selbstakzeptanz können nämlich nicht per Gesetz verordnet werden. Dies muss von Herzen kommen. Eine Gesellschaft, die den Wert eines Menschen fast ausschließlich an seiner Anpassungs- und Leistungsfähigkeit festmacht erschwert den Zugang ihrer Mitglieder zu ihrer Individualität. Eine solche Gesellschaft fördert kein inklusives Miteinander, sondern schürt die Angst vor Anderssein und damit Ablehnung und Ausgrenzung. Anstatt unsere Individualität und die neuronale Vielfalt, die wir darstellen, für eine bessere Gesellschaft zu nutzen, wird weiterhin versucht, Menschen zu normen und in Schubladen zu stecken. Dass dies keinem von uns guttut, zeigt unter anderem auch der Anstieg der Zahl der Menschen, die mit Depressionen und Burn Out diagnostiziert werden. Wir tun uns selbst nicht mehr gut. Ich denke, dass behinderte Menschen, besondere Menschen und hier vor allem auch autistische Menschen, der Gesellschaft wieder bewusst machen, dass wir alle anders sind. Und das genau das die Norm ist. Das ist das erste, was wir gemeinsam haben. Jeder von uns hat seine eigene Wahrnehmung, jeder von uns lebt in seiner eigenen Welt. Diese erschließt sich nur uns selbst. Unsere Reise in die Begegnung mit einem anderen Menschen muss daher beim eigenen Selbst beginnen. Also wie steht es bei Ihnen mit der Selbstakzeptanz?  Sie können das ganz einfach testen. Stellen Sie sich dazu bitte unbekleidet vor einen großen Spiegel, schauen Sie sich gut und lange an. Nicht nur Ihren Körper, der nur weitere Maske ist, sondern Ihr Selbst. Sagen Sie dann laut Ihren Vornamen und zu sich selbst „Ich liebe mich, so wie ich bin“. Jeder Mensch, dem Sie begegnen, ist ein solcher Spiegel. Fehlende Selbstakzeptanz ist nicht nur die größte Barriere auf dem Weg zur Akzeptanz und gefährdet die Inklusion, sondern sie beeinträchtigt jeden von uns in jedem Augenblick unseres Lebens. Ich bin ein großer Fan von Nelson Mandela, der einmal gesagt hat: Es scheint immer unmöglich, bis man es tut. Also bitte ich Sie, tun Sie es. Begegnen Sie sich selbst. Beginnen Sie vielleicht mit einem Taschenspiegel und Ihrem linken Ohrläppchen.

„Kennst du einen Autisten, kennst du auch nur einen Autisten.“

Was müssen wir anders machen, damit die Teilhabe autistischer Menschen im Berufsleben, egal, ob im Kulturbereich oder anderswo, gelingt? Jeder (autistische) Mensch bedarf sehr individuelle Hilfe bei seinem Sein im Alltag, beim Lernen und später bei der Arbeit, um ein Maß an Lebensqualität zu erreichen, dass er sich wünscht bzw. braucht, um ein zufriedenes Dasein zu haben. Stephen Mark Shore, ein US-amerikanischer Autist hat einmal gesagt: „Kennst du einen Autisten, kennst du auch nur einen Autisten.“ Ich würde das noch erweitern und sagen, kennt man einen Menschen, dann kennt man auch nur den einen Menschen. Genau dessen müssen wir uns in der Begegnung miteinander wieder bewusst werden. Sicherlich stellt diese Individualität eine enorme Herausforderung an jeden Ausbilder und Arbeitgeber, aber gleichzeitig sind die Begegnung und das Arbeiten mit autistischen Kollegen ein Gewinn für alle. Autistische Menschen sind oft übersehene oder missverstandene Fachkräfte, die aber die Vielfalt in allen Unternehmensbereichen und ein besseres Miteinander der Belegschaft fördern. Anders als bei körperbehinderten Menschen kann man schneller visuell erkennen welche Beeinträchtigung der Mensch hat und man weiß dann auch ziemlich gut, wie man diesem Menschen eine Teilhabe ermöglichen kann. Rampen, Gebärdendolmetscher und Audiokommentation sind nur einige der Hilfsmittel, die zur Verfügung stehen und wenn einmal installiert, dann jedem Betroffenen helfen. Bei einem autistischen Menschen kann man nicht auf den ersten, und oft auch nicht auf den zweiten oder dritten Blick erkennen, dass dieser Mensch eine andere Wahrnehmung hat, auf die er mit einem anderen, unerwarteten Verhalten reagiert. Erlebt wird ein Mensch, dessen soziale Interaktion inadäquat ist und der Sprache anders anwendet und versteht. Natürlich gibt es auch für autistische Menschen zahlreiche Hilfsmittel, die ihnen den Alltag erleichtern und auch Zugang zu beruflichen Qualifikationen und Tätigkeiten ermöglichen. Diese sind allerdings genauso individuell wie der Mensch selbst. Ich kann Ihnen deshalb die an mich herangetragene Frage nicht allgemein beantworten. Sie müssen jedem (autistischen) Menschen neu begegnen, ihn dort abholen, wo er wartet und zwar so, dass er Ihnen folgen kann. Sie müssen sich auf diesen Menschen einlassen, ihn so annehmen, wie er ist, aber ihm auch dabei helfen, der werden zu können, der er sein kann und will. Die Mehrzahl autistischer Menschen wünscht sich nichts sehnlicher, als dazugehören und einen wertvollen Beitrag zum Erhalt der Gemeinschaft leisten zu dürfen.

Da die Voraussetzung für die Akzeptanz des Andersseins die Akzeptanz des eigenen Seins ist, liegt es an jedem Einzelnen von uns, ob die Inklusion und damit auch die gleichberechtigte Teilhabe (autistisch) behinderter Menschen am künstlerischen Ausbildungs- und Beschäftigungsbetrieb gelingt. Es liegt also an Ihnen, ob Access All Areas, der Zugang zu allen Bereichen, für uns alle Wirklichkeit wird oder ob die Inklusion (im Kulturbereich) eine Illusion bleibt. |