Werkstattgespräch zur Inklusion
Kulturelle Teilhabe braucht verlässliche Strukturen
Wie können Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf selbstbestimmt Kunst und Kultur erleben und künstlerisch tätig sein? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Werkstattgesprächs, zu dem der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, und der Deutsche Kulturrat am 15. Oktober 2026 ins Humboldt Forum in Berlin eingeladen hatten. In der aktuellen Ausgabe von „Politik & Kultur“ berichten Olaf Zimmermann und Gabriele Schulz über die Veranstaltung. Deutlich wird: Teilhabe erfordert nicht nur barrierefreie Räume, sondern auch geeignete Kommunikationsmöglichkeiten, Assistenz und dauerhaft gesicherte Angebote.
Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf kamen bei dem Werkstattgespräch selbst zu Wort – unter anderem mithilfe von Assistenz und Sprachcomputern. Künstlerische Arbeiten und praktische Beispiele zeigten, wie technische Hilfsmittel und individuelle Unterstützung eigene Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen. Die Teilnehmenden konnten beispielsweise einen augengesteuerten Sprachcomputer, eine Farbschleuder und einen Motion Composer ausprobieren. Dabei ging es sowohl um kulturelle Freizeitaktivitäten als auch um professionelle künstlerische Arbeit und den Zugang zu künstlerischer Ausbildung.
Kommunikation braucht Zeit und verlässliche Beziehungen
Ein zentrales Thema war die Bedeutung von Beziehungsarbeit. Menschen, die nicht mit dem Mund sprechen, kommunizieren beispielsweise über Mimik, Gestik, Laute, Körperspannung oder einen Sprachcomputer. Damit Verständigung gelingt, braucht es Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, unterschiedliche Ausdrucksformen wahrzunehmen. Entscheidend ist, Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf als Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner ernst zu nehmen.
Wie bereichernd die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur sein kann, verdeutlichten unter anderem das Tanzlabor Leipzig und das Projekt Musiklusion der Lebenshilfe Tuttlingen. Zugleich wurde ein strukturelles Problem benannt: Befristete Projektförderungen erschweren die kontinuierliche Arbeit. Bewährte Angebote müssen immer wieder neu beantragt und dafür teilweise „neu erfunden“ werden. Für eingearbeitetes Personal entstehen Unsicherheiten. Gerade dort, wo Kommunikation auf gewachsenen Beziehungen beruht, gefährden solche Unterbrechungen die Verlässlichkeit der Angebote.
Barrierefreiheit beginnt vor dem Veranstaltungsraum
Auch bauliche und infrastrukturelle Voraussetzungen standen zur Diskussion. Fehlende geeignete Parkplätze oder unzureichend ausgestattete Sanitärräume können einen Kulturbesuch bereits im Vorfeld verhindern. Das Humboldt Forum verfügt inzwischen über eine „Toilette für alle“ mit ausreichend Platz für Assistenzpersonen, einer höhenverstellbaren Pflegeliege und einem Personenlifter. Beim Werkstattgespräch im Herbst 2023 war das Fehlen einer solchen Ausstattung noch kritisiert worden. Für viele Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen ist sie eine grundlegende Voraussetzung für den Besuch einer Kultureinrichtung.
Ergänzende Teilhabeempfehlungen für 2027 angekündigt
Die Ergebnisse des Werkstattgesprächs sollen in Empfehlungen zur kulturellen Teilhabe von Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf einfließen. Ihre Vorstellung ist für Ende des zweiten Quartals 2027 vorgesehen. Sie sollen die bereits im Dezember 2024 veröffentlichten Teilhabeempfehlungen für inklusive Kultur ergänzen. Als wesentliche Herausforderung benennen die Autorin und der Autor die weiterhin bestehenden Defizite bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention: Das Recht auf Kunst und Kultur muss für alle Menschen praktisch wirksam werden.
Zum Artikel „Mit denen, die nicht mit dem Mund sprechen“ von Olaf Zimmermann und Gabriele Schulz, „Politik & Kultur“, Ausgabe 11–12/2026, Seite 3:
Artikel lesen – PDF, Seite 3
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